Gemeinsam mit dem Pastoraltheologen Paul Zulehner haben Sie das Buch "Gleichstellung in der Sackgasse? Frauen, Männer und die erschöpfte Familie von heute" geschrieben. Unter welchem Druck stehen Familien?
Petra Steinmair-Pösel: Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass 70 Prozente der Männer und Frauen in Österreich die Wirtschaft als nicht familienfreundlich erleben. Seit 2002 hat diese Zahl um 10 Prozent zugenommen. Wenn man bedenkt, dass sehr viele Frauen und Männer - auch mit kleinen Kindern - berufstätig sind, läßt das ein wenig erahnen, woher die Spannungen und die Erschöpfung kommen könnten. Ungefähr 60 Prozent der Frauen und Männer sagen, dass es mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, Beruf und Familie zu vereinen. Hier zeichnet sich eine deutliche Spannung zwischen zwei Lebensfeldern ab, die für Männer und Frauen heute die zentralen Lebensfelder sind.
Immer mehr Männer und Frauen haben den Eindruck, dass die modernen Geschlechterrollen, wie wir sie heute haben und in den letzten Jahrzehnten auch erkämpft haben, anstrengender sind als die traditionellen.
Rollen sind immer etwas, dass ein Stück weit Halt gibt. Wenn sie wegfallen, gibt es einerseits größere Freiheit, viel größere Gestaltungsmöglichkeiten für das eigene Leben, die eigenen Interessen, aber es bedeutet natürlich auch, dass immer wieder neu ausgehandelt werden muss zwischen Paaren, innerhalb der Familie, wer macht was im Haushalt, mit den Kindern, wer arbeitet wieviel. Das scheint auch zur Anstrengung beizutragen. Deshalb sprechen wir von der "erschöpften Familie", weil wir in unseren Studien gesehen haben, dass viele Männer und Frauen sagen, es ist anstrengend heute. Sie nehmen aber diese Anstrengung auch in Kauf. Auf der einen Seite, weil die Famlie ein Ausgleich sein kann, ein Ort, wo man sich erholt, entspannt. Gleichzeitig kann aber auch der Beruf eine Bereicherung darstellen, gerade für die Frauen - nicht nur im häuslichen Bereich tätig zu sein, sondern auch außerhalb.
Der stärkste Faktor ist aber der, dass heute viele sagen, ein Haushalt, eine Familie ohne zwei Einkommen, ist heute finanziell, ökonomisch nicht machbar. 40 Prozent der Frauen und Männer sagen, es ist nicht möglich, dass einer zuhause bei den Kindern bleibt, und nur einer erwerbstätig ist.
Inwiefern werden Rollenbilder weitergegeben, sozialisiert?
Petra Steinmair-Pösel: Ganz stark. Sozialisierung ist, würde ich sagen, fast alles im Blick auf Rollenbilder. Kinder sehen, wie ihre Eltern miteinander umgehen, sie erleben andere Familien in ihren Peergroups. Sie bekommen sehr viel mit. Deshalb glaube ich, muss man hier ansetzen, wenn man etwas verändern will. Wir wissen, dass Menschen durch Nachahmung lernen. Von daher ist es ein ganz wichtiger Faktor, welche Bilder Kinder vermittelt bekommen - in der eigenen Familie, in der Peergroup und auch über die Medien. Gearde in den Medien werden noch stark traditionelle Rollenbilder transportiert.
In den vergangenen Wochen gab es eine große Diskussion um das Binnen-I, also um eine gendergerechte Sprache. Geschlechtergerechtigkeit kann man auch auf andere Bereiche umlegen, zum Beispiel auf das Bauen. Es gibt auch Kindergärten, in denen gendersensible Pädagogik praktiziert wird. Braucht es so etwas? Oder passiert hier Trennung zwischen den verschiedenen Geschlechtervorstellungen?
Petra Steinmair-Pösel: Ich bemerke das auch in meinem universitären Umfeld: Die geschlechtergerechte Sprache stößt natürlich auch immer wieder auf Kritik, den Einwand, es werde dadurch wahnsinnig kompliziert. Ich würde trotzdem den Ansatz vertreten: Sprache schafft Wirklichkeit. Man kann sich über Details natürlich streiten, aber worüber inzwischen ein Konsens herrschen sollte und - glaube ich - auch schon herrscht, ist die Tatsache, dass wir schauen müssen, wie wir übereinander und miteinander sprechen. Eben weil Sprache unsere Vorstellungen und damit auch die Wirklichkeit formt.
Man muss in allen möglichen Bereichen darauf achten, welche Bilder transportiert werden. - zum Beispiel auch beim Bauen. Ich finde es sinnvoll, das unter der Geschlechterperspektive zu betrachten. Ich fände es aber auch sinnvoll, es unter Kinderperspektive zu betrachten. Wir sprechen oft davon, dass die Kinderzahlen sinken. Von eher konservativer Seite kommt dann der Apell an die Frauen, sie mögen mehr Kinder bekommen. Ich glaube, solche Apelle nützen sehr wenig. Wenn wir in einer Gesellschaft leben, die wenig kinderfreundlich, wenig familienfreundlich ist.